Kurznachrichten

Pröpstin Frauke Eiben: Gerechtigkeit ist auch ein Name Gottes

Pröpstin Frauke Eiben: Gerechtigkeit ist auch ein Name Gottes

06.03.2017 - Gerecht – darin steckt der Wortstamm von  „recht“ und „richtig“. Gerechtigkeit ist ein Grundwert unserer Gesellschaft, eine ethische Orientierung für unser  Leben, eine Balance von Geben und Nehmen, nach der wir uns ausstrecken. Gerechtigkeit ist auch ein Name Gottes.

Gerechtigkeit umzusetzen ist schwer. Und manches, was gerecht auf den Weg gebracht wurde, fühlt sich beim Empfänger ungerecht an. Jeder Mensch erlebt Alltagssituationen, die er/sie als „das war ungerecht“ beschreiben kann. Und das heißt: Da hat mich jemand nicht gesehen. Da wurde eine Leistung nicht gewürdigt, mir etwas nicht zugetraut. Oder es wurde nicht wahrgenommen, welche Pflichten und Lasten schon zu tragen sind.

Diese Wahrnehmung stimmt nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Bereich. Wenn alle gleich viel bekommen, ist es nicht unbedingt gerecht. In der Familie nicht und erst recht nicht in der Gesellschaft. Der differenzierte Blick auf die Situation und den Menschen darf beim Thema Gerechtigkeit nicht fehlen, ebenso wenig wie die Norm, auf die sich das Recht bezieht.

Gerechtigkeit ist in der evangelisch-lutherischen Tradition nichts, was wir machen können, sondern eine Gabe Gottes. Gott macht uns gerecht, damit wir anderen Menschen und uns gerecht werden.

Im biblischen Kontext ist das Wort Gerechtigkeit ein Beziehungswort (so wie die Liebe, die Gnade, die Barmherzigkeit). Die Beziehungsdimension steht dabei immer über der Ökonomie, über Handel und Profit. Für mich allein kann ich nicht gerecht sein. (Dann bin ich selbstgerecht). Gerecht sein bedeutet im biblischen Zusammenhang immer, in richtigen Beziehungen leben, einander gerecht werden. Und zwar dem Nächsten und Gott und mir selbst. In diesem Dreieck.

In der Familie.
Am Arbeitsplatz.
Im Stadtteil.
Zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen.
Zwischen Gutverdienenden und Armen.
Männern und Frauen.
Zwischen den Generationen,
Menschen verschiedener Religionen,
Menschen aus unterschiedlichen Ländern.
Zwischen der Umwelt und uns Menschen.

Richtig ist es, wenn wir dem Anderen Respekt erweisen und uns daran ausrichten, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. So einfach im allgemeinen – so schwer, wenn es konkret wird.

Ohne Gerechtigkeit gibt es kein friedliches Zusammenleben, ohne soziale Gerechtigkeit keinen Frieden im Inneren. „Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben“ heißt es in der Bibel. Und um auf diesem Weg sicheren Fußes zu gehen, gibt es neben den 10 Geboten in der hebräischen Bibel konkrete Weisungen, die das Thema soziale Gerechtigkeit buchstabieren:

1. Wer in Schuldsklaverei verfiel, sollte nicht auf ewig dienen müssen, sondern im 7. Jahr freigelassen werden (Ex 21,2-6)

2. Im 7. Jahr werden die Schulden erlassen mit dem Ziel „Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein. (Dt 15,1-11)

3. Gegenstände, die zum Überleben notwendig sind, dürfen nicht gepfändet werden. (Dt. 24,6).

4. Im 7. Jahr soll eine Brache eingehalten werden und alle Erträge den Armen und den Tieren zur Verfügung stehen.

5. Die Armen dürfen auf den abgeernteten Äckern die Nachlese halten, Ölbäume dürfen nicht nachgeschüttelt werden.

6. Und schließlich soll der jedes Jahr zu entrichtende Zehnte ausschließlich für die Fremden, Witwen und Waisen gegeben werden.

Es gab also eine Rechtsgrundlage für die Armen. Neben dem Schutz in der Familie gab es Regeln, die dem Armen Rechte zusprachen und ihn vor Demütigungen schützen wollen.

Die Hebräische Bibel legt den Grundstein für eine Haltung, die Jesus aufnimmt und die uns als christliche Kirchen ins Stammbuch geschrieben ist. Als Jesus sein öffentliches Leben beginnt, beruft er sich auf nichts anderes als auf diesen Weg.

Die erste Predigt Jesu steht in der Tradition des Gnadenjahres, wie es in den Weisungen der hebräischen Bibel angekündigt ist. Das Sabbat- oder Gnadenjahr ist ein Jahr in dem die Grundlagen für gerechte und richtige Beziehungen der Menschen untereinander neu geschaffen werden. Ein Halt im Kreislauf der Schuldenspirale, ein Halt für die soziale Not, für Streit, und Schuld. Ein Jahr, um Dinge wiedergutzumachen und wieder ins richtige Lot zu bringen. Alle sollen wieder einen neuen Anfang machen dürfen. Auch in materieller und ökonomischer Hinsicht. Re-set. (was für eine kluge Idee).

Jesus nimmt dieses Herzstück biblischer Gerechtigkeit auf. Stellt es an den Anfang seines öffentlichen Wirkens. Er trennt nicht zwischen einem geistig-geistlichen und ökonomischen Blick auf den Menschen. Die Weisungen der Wiederherstellung von Besitz und Schuldenvergebung sind in seiner Antrittspredigt verbunden mit seiner Vision vom Gottesreich.

Von Jesus haben wir diese Einseitigkeit, die man den Kirchen oft vorwirft, wenn wir uns einmischen in die Fragen des sozialen Geflechts unserer Gesellschaft. Wenn wir darauf blicken, wo unsere Wurzeln sind, wird deutlich: Es geht nicht anders.

Gerechtigkeit und Glauben gehören zusammen. Oder wie Bonhoeffer es sagt: Beten und Tun des Gerechten.