Kurznachrichten

Pastorin Dörte Eitel: Integration ist die Aufgabe von jedem Einzelnen

Pastorin Dörte Eitel: Integration ist die Aufgabe von jedem Einzelnen

21.03.2017 - Integration ist ein vielseitiger Begriff. Er findet Anwendung in der Soziologie, in Politik und Wirtschaft, aber auch in den Natur-und Informationswissenschaften und Technik. Im Diakonie-Lexikon finde ich eine kurze und anschauliche Erklärung: „Integration meint die Einbeziehung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in eine (Werte-) Gemeinschaft.“

In der Bibel, besonders im Neuen Testament finden wir viele Beispiele dafür, dass alle Menschen über die biologischen, sozialen und nationalen Grenzen hinweg in die Gemeinschaft Gottes eingeladen sind. Jesus erzählte in Gleichnissen und machte durch seine Heilungen anschaulich, dass er bestehende gesellschaftliche Ausgrenzungen durch den sozialen Status, durch Krankheiten oder fremde Herkunft infrage stellt. Zu seinen Jüngern gehörten ehemalige Zöllner; er ging in die Häuser von Zöllnern und aß mit ihnen. Er betonte entgegen der damaligen gesellschaftlich üblichen Haltung, dass Krankheiten und Behinderungen nicht durch das Fehlverhalten des Betroffenen und seiner Vorfahren verursacht seien. Auf die Frage der Jünger, ob die Eltern eines Blindgeborenen an dessen Blindheit schuld seien, antwortete er: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Jesus zeigt den Betroffenen deutlich: Ihr seid als Kinder Gottes angenommen.

Für mich ist Jesu Zuspruch ein Maßstab, der allen Menschen gilt unabhängig von ihrer Religion, ihrer Herkunft und Nationalität. Aus Jesus Zuspruch und seiner Haltung leite ich  für mich den Handlungsmaßstab ab, dass die Einbeziehung aller Menschen in unsere Gesellschaft eine selbstverständliche Aufgabe ist.

„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ schreibt Paulus in seinem Brief an die Galater. Religiöse, standesmäßige oder geschlechtliche Unterschiede sind für Paulus eine Vielfalt, die eine Einheit findet im Glauben an Christus. Paulus entwickelt diesen Gedanken weiter in seinem bekannten Bild von dem einen Leib und den vielen Gliedern: genauso wie ein Körper die unterschiedlichen Köperteile braucht, braucht es die Unterschiedlichkeit der Menschen für die Gemeinschaft. Dass es kein Nebeneinander von Vielfalt wird, sondern eine gemeinsame Vielfalt ist die Herausforderung, der wir uns als Christen und Christinnen stellen müssen. „Integration ist keine Einbahnstraße“ wird mir öfter gesagt. Dem stimme ich zu.

Integration ist immer ein Geben und Nehmen, ein Fördern und Fordern. Integration kann nur gelingen durch Begegnungen auf Augenhöhe. Die Heilung des blinden Bettlers Bartimäus  durch Jesus ist ein gutes Beispiel für eine solche Begegnung auf Augenhöhe. Bartimäus saß abseits in Jericho und war durch seine Krankheit zum Betteln verurteilt. Jesus ruft ihn vor seiner Heilung in die Menge hinein und fragt ihn: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Bartimäus antwortet: „Herr, dass ich wieder sehend werde.“ Das Entscheidende ist: Jesus holt Bartimäus vor und nicht nach seiner Heilung in die Menge hinein und Jesus fragt ihn, was er für ihn tun soll. Bartimäus wird also nicht bevormundet. Jesus ist nicht derjenige, der weiß, was gut und richtig für Bartimäus ist, sondern lässt ihn selbst entscheiden.
 
Integration ist Aufgabe von jedem Einzelnen als Teil dieser Gesellschaft und nicht nur Aufgabe von Institutionen, Kirchengemeinden, der Hansestadt Lübeck oder Freien Trägern. Integratives Handeln bedarf der Sorge und Fürsorge in individueller und politischer Hinsicht und wo erforderlich müssen gesellschaftliche Rahmenbedingen verändert werden. So wie der Körper all seine Teile zum Funktionieren braucht, so braucht die Gemeinschaft alle Mitglieder. Denn „wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“