Kurznachrichten

Pastor Robert Pfeifer: Abschottung führt in die Vergangenheit

Pastor Robert Pfeifer: Abschottung führt in die Vergangenheit

30.05.2017 - In St. Marien in Lübeck hängt seit 1971 ein Nagelkreuz aus Coventry. Bei den zerstörten Glocken, die jeder Lübecker kennt - stille Zeugen einer Nacht 1942, die noch viele in schrecklicher Erinnerung haben. Drei Jahre später lagen nicht nur England und Deutschland in Trümmern. Daran musste ich denken, als ich neulich von einem der rechten Demagogen den Satz hörte: „Ich will, dass unser Land so bleibt, wie ich es von meinen Eltern übernommen habe.“

Ich dachte, ich hätte mich verhört! Teile meiner Familie haben selbst die Flucht erlebt. Unvorstellbares Leid, Schuld, Ruinenlandschaften, verfeindete Nationen - das war, was eine durch rassistische Dummheit verirrte Generation den Nachfolgenden hinterlassen hatte.

Nach dem Krieg galt es über jahrzehnte hin Demokratie und Toleranz wieder neu zu lernen. Das hieß in protestantischer Tradition auch, sich von falschen Autoritäten zu befreien und das eigene Gewissen zu schärfen am biblischen Menschenbild: Die unbedingte Würde jedes Menschen zu achten, gleich welcher Herkunft und unabhängig vom individuellen Lebensentwurf. So wurde im Lauf der Jahre Versöhnung möglich. Es entwickelte sich in Deutschland sogar so etwas wie Weltoffenheit. Wir führen seitdem in (und durch) Europa ein Leben in Frieden und Freiheit, wie sie es früher nicht zu träumen gewagt hätten.

Heute scheinen uns Frieden, Verständigung und Menschenwürde irgendwie selbstverständlich, aber das ist es nicht. Deshalb erzählt das Nagelkreuz in St. Marien von der bleibenden Verantwortung zu Frieden und Versöhnung. Und mahnt: Die neuen Rufe nach Abschottung und Ausgrenzung weisen nicht nach vorn, sondern in die dunkelste Vergangenheit, die - Gott sei Dank - überwunden wurde. Setzen wir das nicht noch einmal aufs Spiel.