Kurznachrichten

Pastor Martin Klatt: Gewalt schafft neue Gewalt

Pastor Martin Klatt: Gewalt schafft neue Gewalt

12.04.2017 - Gewalt ist ein Thema, das so alt ist wie die Menschheit selbst. Die erste Geschichte, die die Bibel erzählt „jenseits von Eden“, ist der Mord Kains an seinem Bruder Abel (1. Mose 4).
Gewalt ist ein Menschheitsthema. Jede und jeder kann davon betroffen sein – als Täter oder als Opfer. Nicht immer sind die Grenzen eindeutig zu ziehen. Gewalt ist ein Alltagsthema. Jeden Tag aufs Neue führen es uns die Zeitungen vor Augen: Krieg und Bürgerkrieg, Terror. Aber Gewalt ist nicht nur Mord und Totschlag. Und es gibt sie nicht nur weit weg in anderen Ländern, sondern auch in der Nachbarschaft: Gewalt in Familien, Missbrauch von Kindern, sexualisierte Gewalt, Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schulklasse. Auch die Ungerechtigkeit, in der der eine Teil der Menschheit im Überfluss lebt, während der andere – größere – Teil unter bitterer Armut leidet, ist eine Form der Gewalt. Nicht zu vergessen die Gewalt, die die Menschheit als ganze der Natur und der Umwelt, Tieren und Pflanzen antut. Eine Aufzählung bliebe immer unvollständig.

Die Folgen von Gewalt treten früher oder später zutage. Gewalt schafft neue Gewalt, Teufelskreise der Gewalt. Jeder Form von Gewalt ist etwas Selbstzerstörerisches eigen. Gewalt ist vielleicht das deutlichste Symptom dessen, was die Bibel „Sünde“ nennt: der Riss im Miteinander zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Mitgeschöpf. Er zerstört das Miteinander. Er gefährdet am Ende das Leben aller. „Der Tod ist der Sünde Sold“, sagt der Apostel Paulus (Röm 6, 23). Er ist die ihr innewohnende Konsequenz.

Die Überwindung von Gewalt ist vielleicht die zentrale Aufgabe der Menschheit. Sie stellt sich im Großen wie im Kleinen. Für Christenmenschen gründet die Verpflichtung dazu wie auch ihre Verheißung in dem Geschehen von Karfreitag und Ostern.
In dem gekreuzigten Christus erkennt der Glaube, wie Gott sich ganz und gar einlässt auf menschliches Leben. Er wird ein Opfer von Gewalt und verzichtet darauf, diese Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Er stellt sich in seinem Sohn an die Seite derer, die zu Opfern von Gewalt werden. Gott hält an seiner Liebe fest. Ostern kommt heraus, dass die Ohnmacht dieser Liebe stärker ist als alle Gewalt.

Keine Opfer mehr! Das ist eine zentrale Botschaft des Neuen Testaments. Der Ort der Christen und der Kirche ist an der Seite derer, die Gewalt erleiden. Das öffentliche Gebet für sie, die Solidarität mit ihnen und die konkrete Hilfe sind Kennzeichen des Christlichen.

Dazu gehört auch, Verantwortung dafür zu übernehmen, Menschen vor Gewalt zu schützen. Wo dies nur durch Gewalt geschehen kann, wissen Christen, dass sie Schuld auf sich nehmen und auf Vergebung angewiesen bleiben.
Es ist gerade ein Schritt zur Überwindung von Gewalt, der Versuchung zu widerstehen, die Welt in gut und böse aufzuteilen. Vielmehr geht es darum, sensibel wahrzunehmen, wo Gewalt beginnt in ausgrenzenden Denkmustern oder diskriminierender Sprache.

Es ist eine Aufgabe, die immer wieder von Neuem angegangen werden muss. Der Apostel Paulus formuliert sie so: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12, 21) So schön gesagt und so schwer umzusetzen! Vergebung und Versöhnung helfen, Gewalt zu beenden. Denen, die sich darum mühen, ist die schönste aller Verheißungen der Bergpredigt mit auf den Weg gegeben: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“  (Matthäus 5, 9)